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8. Mai 2026

Schutzfunktion

in der Traumatherapie

  • Die Schutzfunktion ist ein zentrales Konzept in der Traumatherapie und
    beschreibt die inneren Mechanismen, die Menschen entwickeln,
    um mit überwältigenden oder bedrohlichen Erfahrungen umzugehen.
  • Diese Schutzstrategien entstehen meist unbewusst und haben ursprünglich
    eine lebenswichtige Funktion: Sie helfen, akute Gefahr zu überstehen und
    psychisches Leid zu begrenzen.
  • Typische Schutzmechanismen können Dissoziation,
    emotionale Taubheit, Vermeidung oder auch starke Kontrollbedürfnisse sein.
    Aus therapeutischer Perspektive werden diese Reaktionen nicht als „Störungen“,
    sondern als sinnvolle Anpassungsleistungen verstanden.
  • In der Traumatherapie geht es daher nicht darum,
    diese Schutzmechanismen einfach „abzulegen“.
    Stattdessen steht zunächst ihre Würdigung im Vordergrund.
    • In der Therapie wird gemeinsam daran gearbeitet,
      welche Funktion ein bestimmtes Verhalten erfüllt und warum es entstanden ist.
      Diese Haltung fördert Selbstakzeptanz und reduziert Scham oder Selbstabwertung.
  • Erst wenn ausreichend Stabilität und Sicherheit aufgebaut wurden,
    kann schrittweise überprüft werden, ob die ursprünglichen Schutzstrategien
    im aktuellen Leben noch hilfreich sind oder ob sie möglicherweise einschränkend wirken.
    • Ziel ist es, flexiblere und bewusstere Bewältigungsstrategien zu entwickeln,
      ohne die alten Schutzmechanismen vorschnell zu verdrängen.

Anforderung: hohes Maß an Sensibilität

  • Die Arbeit mit der Schutzfunktion erfordert daher ein hohes Maß an Sensibilität.
    Ein zu frühes „Aufbrechen“ von Schutzmechanismen kann zu einer erneuten Überforderung führen.
  • Traumatherapie folgt deshalb dem Prinzip der Dosierung und Ressourcenorientierung:
    Stabilisierung geht vor Konfrontation.

Wie sich Schutzfunktionen zeigen können

  • es werden bestimmte Themen, Orte oder Menschen,
    obwohl man „eigentlich“ darüber sprechen oder dorthin gehen könnte.
  • Der Körper reagiert plötzlich mit Anspannung, Enge, Zittern, Erstarren oder innerer Leere.
  • Die Person ist sehr kontrollierend, plant alles genau oder versucht, keine Fehler zu machen.
  • Die Person passt sich stark an andere an, um Konflikte zu vermeiden.
  • Die Person zieht sich zurück, sobald Nähe, Kritik oder Gefühle intensiver werden.
  • Die Person reagiert überraschend heftig mit Ärger, obwohl die Situation von außen klein wirkt.

Solche Muster können zeigen, dass ein innerer Schutz aktiv ist,
bevor das Nervensystem in Überforderung gerät.
Bei traumabezogenen Reaktionen können auch Scham, Rückzug oder
emotionale Abspaltung eine Schutzfunktion übernehmen.

Welche Rolle sie einnehmen

  • Schutzfunktionen übernehmen häufig eine klare innere Rolle:
    Sie wollen Sicherheit herstellen, Schmerz begrenzen oder weitere Verletzung verhindern.
    • Das kann wie ein innerer Wächter wirken, der früh Alarm schlägt,
      wenn etwas an alte Erfahrungen erinnert.
  • In manchen Fällen übernimmt die Schutzfunktion die Rolle des Rückzugs,
    in anderen die des Kämpfens, Funktionierens oder Gefällig seins.

Beispiele für solche Rollen sind:

  • Der Rückzug schützt vor Nähe und möglicher Enttäuschung.
  • Der Perfektionismus schützt vor Kritik, Beschämung oder Kontrollverlust.
  • Das Funktionieren schützt davor, eigene Bedürfnisse zu spüren.
  • Die starke Anpassung schützt vor Ablehnung oder Konflikt.
  • Die Wut schützt oft vor Ohnmacht, Angst oder Verletzlichkeit.

Anwendungsbeispiel

  • Wenn jemand in Gesprächen sofort „auf stumm schaltet“, nichts mehr fühlt und innerlich wegdriftet,
    kann das eine Schutzfunktion sein.
    • Die Rolle dieser Reaktion ist dann nicht „Unwillen“, sondern Schutz vor Überflutung.
  • Erst wenn diese Funktion erkannt wird, kann man vorsichtig fragen:
    • Wovor will mich dieser Teil gerade bewahren?


Selbstbeobachtung

Hilfreiche Fragen sind:

  • Was passiert kurz bevor ich mich zurückziehe oder hart werde?
  • Welche Gefühle tauchen auf, die ich kaum aushalte?
  • Was will ich in diesem Moment vermeiden?
  • Welche Gefahr fühlt sich innerlich real an, auch wenn sie äußerlich klein wirkt?

-> So wird sichtbar, dass Schutzfunktionen oft eine alte, einmal sinnvolle Aufgabe erfüllen,
auch wenn sie heute manchmal einschränken.
Genau dieses Verstehen ist ein wichtiger Schritt in der Traumatherapie.

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